Wertfreie Wahrnehmung – Beobachten ohne zu interpretieren

Geht das eigentlich: etwas ganz ohne Urteil, Deutung und Interpretation einfach nur wahrzunehmen? Oder nehmen wir die Dinge wahr und messen den Dingen Bedeutung bei?
Wahrnehmung und Interpretation trennen:
Meistens merken wir es, wenn wir traurig sind: Etwas stimmt nicht. Kürzlich hörte ich einer Freundin zu, die von einem Streit erzählte. „Er ist gemein. Und das macht er mit Absicht“, sagte sie. Was ist passiert? Was ist der Auslöser für diese Situation gewesen. Ich erinnere mich an die Schulzeit, in der wir Berichte schreiben mussten. Einen ganz sachlichen Bericht, ohne Emotion. So als müssten wir der Polizei melden, was passiert ist. Die Situation beobachten, heißt, was kann ich sehen, was ist passiert. Was hat jemand gesagt oder getan?
Andere sind anders
Denn Worte, Verhalten und Körperausdruck kann ich beschreiben. Aber die Gedanken, Gefühle oder Bedürfnisse kann ich nur erraten. Wie oft gehen wir davon aus, dass der andere genauso denkt, fühlt und handelt wie wir. Es gibt mehrere Wege und Möglichkeiten. Aber häufig wissen wir vermeintlich schon, was der andere sagen will oder wie er tickt.
Fazit:

  • Wahrnehmung und Interpretation trennen

Was ist passiert? Was ist der Auslöser für diese Situation gewesen.

  • Stellen Sie Fragen:

Bleiben Sie offen für die Andersartigkeit des Gegenübers.

  • Erkennen Sie, wenn Sie urteilen, deuten und interpretieren.

Seien Sie sich bewusst, dass Ihre Urteile subjektiv sind.

  • Fühlen Sie Ihre Gefühle und Bedürfnisse.

Nutzen Sie dies um mit Ihrem Gefühl in Kontakt zu kommen.

 

Statt sich in seiner Fantasie die Worst-case Szenarien weiter auszumalen, konzentrieren Sie sich auf die sachlichen Fakten. Woraus schließe ich, dass er das xy macht?

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Warum ver-urteilen wir?
Die subjektiven Urteile sind Einschätzungen nach unseren Erfahrungen und Erlebnissen. Diese können veraltet sein und von unseren Eltern übernommen.
Aber auch neue Urteile führen uns zu unseren Vorlieben.

 

 

Es gibt nicht gut oder schlecht. Es gibt 2 Seiten der Medaille.
Unser Gegenüber handelt nach seinen Werten und die unterscheiden sich möglicherweise von den unseren.

 

Die Frage ist nicht: ist es richtig oder falsch. Die Frage ist, welches Ziel verfolgen Sie?
Es geht darum, dass es nicht unvereinbare Gegensätze sind, sondern häufig auf verschiedenen Positionen dasselbe erreicht werden möchte. Es ist ein flexibles Austarieren der beiden Werte.

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Eine kleine Übung/ Das Wertequadrat:
• Nennen Sie eine Eigenschaft, die Sie an sich oder einer anderen Person überhaupt nicht mögen: Bsp: Faul
• Nennen Sie das Gegenteil davon. Bsp: fleißig
• Nun überlegen Sie, was ist der Vorteil davon fleißig zu sein? Bsp. Engagement. Leistungsorientiert
• Und was ist der Vorteil davon faul zu sein? Bsp.: Wohlbefinden, für sich sorgen.

Fleiß                                     Engagement
Selbstfürsorge                    Faul

 

Merken Sie: Die erste Eigenschaft mochten Sie nicht. Dieses Weiter-denken hilft die gute Seite, das Bedürfnis des Gegenübers zu ergründen. Sie selbst sehen sich evtl. als einen fleißigen Menschen. Das ist ein Wert, den Sie leben.
Fragen Sie sich:

warum ärgert mich das so?
Sie selbst mögen das Ziel Fleiß -verurteilen Faulheit.
Sie streben möglicherweise Engagement an und Ihr Gegenüber betreibt Selbstfürsorge.
• Sind Sie manchmal faul? (Hier können Sie Ihre Eigenschaft einsetzen, die Sie nicht mögen)
• Gönnen Sie sich, dass Sie gut für sich selbst sorgen? Oder sind Sie manchmal zu sehr engagiert und wissen gar nicht mehr wo Ihnen der Kopf steht?

Ich bin gespannt auf Ihre Kommentare.

 

 

by Christine on  26. November 2014 |
|
8
8 Kommentare auf “Wertfreie Wahrnehmung – Beobachten ohne zu interpretieren”
  1. Sybille Johann | | Reply

    Tja, mit diesem Beispiel hast du bei mir genau ins Schwarze getroffen. Ich WEISS ja, dass meine eigene Energie meine Herangehensweise ist, und anderer eben eine andere haben. Aber was bedeutet das für mich, wenn mich eine Eigenschaft direkt mit betrifft und beeinflusst? Extrembeispiel wäre der Mann, der für sich “sorgt” und den Abend auf dem Sofa verbringt, während die Frau noch die Wohnung putzt.
    An diesem Punkt hänge ich noch ein wenig …
    LG
    Sybille

    • Christine | | Reply

      Hallo Sybille,

      vielen Dank für Deinen Kommentar.Das ist ein schönes Beispiel aus dem Alltag:
      Die direkte Betroffenheit erschwert unsere objektive Wahrnehmung. Ja und in dem Fall käme noch hinzu, dass Frau den Wunsch nach Hilfe/ Unterstützung in der Hausarbeit bei sich selbst wahrnimmt. Hier helfe ich für eine selbstbewusste Haltung, denn häufig hat sich das Umfeld an den “Komfort” gewöhnt und reagiert nicht immer so glücklich, wenn Frau selbstbewusst Hilfe einfordert.

      Vielen Dank nochmal und liebe Grüße, Christine

  2. Manuela | | Reply

    Liebe Christine,
    wertfrei wahrnehmen.Eine interessante Kombination. Ohne Emotionen nur die “Fakten” wahrnehmen und sachlich bleiben. Ich weiß nicht, ob das immer so funktioniert.
    Denn jeder von uns hat ja seine vergangenen Erfahrungen als Landkarte dabei – und somit auch seine eigene Brille auf. Da kommen wir dann ganz leicht in Resonanz und bleiben nicht mehr ohne Wertung.
    Ohne Emotionen wertfrei wahrnehmen kann ich meiner Meinung nach nur, wenn ich selbst nicht “betroffen” bin, also noch keine in diese Richtung gehenden Erfahrungen gemacht habe.

    Und WENN mich etwas am anderen “stört”, dann stört mich dieses Verhalten – wenn auch vielleicht auf einer anderen Ebene – vielleicht ja auch bei mir selbst. Sonst könnte ich den anderen ja einfach machen lassen.

    Liebe Grüße
    Manuela Csikor

    • Christine | | Reply

      Liebe Manuela,

      schön, Dich hier zu lesen! Ich gebe Dir Recht, wir nehmen die Welt durch unsere Brille wahr.
      Dies abzustreifen, gelingt sicher nicht einfach so, sondern bedarf Übung. Und ist ungewohnt.
      Der erste Schritt ist, sich seiner WERTungen bewusst zu sein, zu reflektieren.
      Aus der WERTung erkennen wir nicht nur Erfahrungen sondern gesellschaftliche Normen und Moralvorstellung. (Unsere Interpretationen, Urteile und Schubladen)
      Unsere Überzeugungen beeinflussen nicht nur unser eigenes Leben, sondern auch das in unserem Umfeld. (und umgekehrt)

      Aus meinem Ebook stammt folgende Übung:
      Beschreibe eine Situation (zur Übung auch ein Gesicht) ohne zu werten. Verzichte auf Worte, die Wertungen enthalten (z.B. schön, gut, interessant)
      und dann achte auch Deine Wahrnehmung; was siehst, fühlst Du? Was konkret nimmst Du über die Sinne wahr? Was ist wirklich beobachtbar?

      Hab Geduld. Es dauert eine Weile und braucht Offenheit. Es gibt immer 2 Seiten der Medaille.
      Gerade bei persönlicher Betroffenheit hilft Distanz, der Mut die eigene Wertung/ Wahrnehmung zu erkennen.
      Ganz ausführlich wird dies in “Gewaltfreie Kommunikation” von Marshall Rosenberg behandelt. Die Wertfreiheit ist ein Grundpfeiler meiner Arbeit.

      „Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir
      von den Dingen haben“ (Epiktet)

      Ganz liebe Grüße, Christine

  3. Estarina | | Reply

    Liebe Christine,

    bin erst jetzt auf Ihren interessanten Artikel gestoßen – da ich mich momentan mit Achtsamkeit und Meditation beschäftige und hierbei auch dieser Ansatz – nur wahrnehmen, nicht werten eine Rolle spielt.

    Hierzu hätte ich noch einige “Verständnis”fragen:
    – wie ist das bei schönen Dingen?
    – ebenfalls nicht mehr als schön werten – sondern nur wahrnehmen?
    – nicht daran erfreuen – z.B. Kinderlachen – sondern einfach nur wahrnehmen?
    – besteht dann nicht die Gefahr, dass man abstumpft?
    – dass man kein Mitgefühl mehr hat?
    – wenn mir jemand etwas schlimmes erzählt, dann also nicht sagen – dass tut mir
    leid und denjenigen in Arm nehmen – sondern einfach nur wahrnehmen?
    – nichts an sich heranlassen?
    –> oder wendet man diese Lebenseinstellung nicht auf alles an?

    Kampf für alles, was einem wichtig ist – wenn aber alles nur noch wahrnehmen und nicht werten – sehe ich die Gefahr, dass man Gleichgültigkeit entwickelt ?!

    Vergangenes möchte man doch nicht vergessen – sowohl schönes als auch schlimmes, es gehört zum eigenen Leben dazu und gerade schöne Dinge, die Erinnerung daran – mit den dazugehörigen Gefühlen – geben uns in schlimmen Zeit Kraft/ Inseln, auf die wir uns zurückziehen können

    – bezieht sich dies – also nur wahrnehmen, nicht werten – generell auf alle Gefühle?
    – besteht dann nicht die Gefahr, dass ich alles in mich hineinfresse – z.B. auch allen Ärger?

    Oder habe ich irgendetwas falsch verstanden?
    Wäre wirklich ganz große Klasse, wenn Sie bitte etwas Licht ins Dunkel bringen könnten.

    Mit besten Grüßen
    Estarina

    • Christine Kohl | | Reply

      Hallo liebe Estarina,

      ich freue mich über Ihren Kommentar, leider sehe ich den erst jetzt! Das stimmt, dieses Thema hat viel mit Achtsamkeit zu tun und Ihre Fragen zeigen mir, dass Sie sich sehr damit beschäftigen.
      Nun will ich gern versuchen, etwas “Licht ins Dunkel” zu bringen und zumindest mein Verständnis davon erzählen.

      Bei dem Ansatz erst wahrzunehmen ohne zu bewerten geht es mir darum, dass wir die Dinge bewerten und nicht bewusst sind, dass wir bereits eine Wertung vorgenommen haben. Manchmal deutet ein spontan eingeworfenes Wort wie “interessant” oder “schön” oder auch “gut” auf eine Wertung hin. Diese “Wahrnehmung” ist manchmal hilfreich, wenn wir nicht zu vorschnell werten wollen – nicht automatisch, nicht wie immer. Denn dass wir Werten ist normal und war zu früherer Zeit überlebenswichtig. Nur, diese Wertungen können uns daran hindern neue Erfahrungen zu machen.
      Was Sie ansprechen zum Thema Gefühle: Es geht also nicht darum, das Leben nicht voll auszukosten und zu genießen oder auch andersrum die Gefühle zu ignorieren. Im Gegenteil: Es geht um ein Bewusstsein. Wir kosten die schönen Gefühle aus und geben auch den ungewollten Gefühlen Raum. Für mich ist das der Weg auf dem Heilung möglich ist. Warum ich auf die Trennung der Warhnehmung und Wertung hinweise: Wir sind es nicht gewohnt und wir trainieren in meinen Seminaren mit einer Übung in der das getrennt wird: Was nimmst Du wahr? Und erst im zweiten Schritt: Wie bewertest Du es.
      Denn dann passiert etwas Tolles: Du wirst Dir der Bewertung bewusst. Sie ist so in unserem Sprachgebrauch verwoben. Warum diese Trennung? Weil wir dann wieder eine neue Bewertung vornehmen können. Hier zu noch meine Lieblingszitate:
      Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben. Epiktet

      oder: .
      Ob du denkst, du kannst es, oder du kannst es nicht: Du wirst auf jeden Fall recht behalten. Henry Ford

      Das sind die Momente an denen wir ansetzen können: Wir können nicht unser Gegenüber verändern, aber unser Mindset, unsere Gedanken sind der Schlüssel für Vieles.

      Bitte melden Sie sich gern, wenn weitere Fragen offen sind. Herzliche Grüße Christine

  4. Estarina | | Reply

    Hallo liebe Christine,

    recht herzlichen Dank für deine informative Rückantwort – diese hat mir sehr geholfen. Die beiden Zitate bringen es kurz und prägnant auf den Punkt.
    Nochmals vielen Dank.

    Mit besten Grüßen
    Estarina

  5. Dobermann | | Reply

    Richtig oder falsch, negativ oder positiv, jede Bewertung löst immer auch Gefühle aus. Gefühle auf die wir reagieren. So zumindest erlebe ich mich und, da ich ein eher negativ gepooltee Mensch bin, leide ich unter meinen Reaktionen. Dazu kommt, dass meine Reaktionen beim Gegenüber wiederum meist auch eine Bewertung auslöst und dann oftmals Unverständnis zeigt.
    Wie aber stelle ich den Automatismus der Bewertung ab. Ist es anerzogen oder vererbt. Schlechte Vorbilder, was ja wiederum auch zur Erziehung gehören würde.
    Ein Teufelskreis, aus dem zu treten, mir nicht zu gelingen scheint.

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